Donnerstag, 16. Juli 2015

"Ich überlebte eine Schießerei und jetzt will ich Koch werden."

Bevor Jean Pierre einer der beiden Köche wurde, die im Hilfszentrum für arbeitende Kinder und Jugendliche (CANAT) heute mit ihren besten Gerichten erfreuen, tauchte er im Meer von Tumbes (Stadt in Nordperu) um große Zackenbarsche mit einer Harpune zu jagen. Mit seinen grade einmal 17 Jahren ist Jean Pierres Leben schon allein deswegen ein Abriss von Gefahr und Abenteuer, weil er gezwungen war mit nur 9 Jahren sein zu Hause zu verlassen und auf die Straße zu gehen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

- Wie bist du dem Programm Manitos Creciendo beigetreten?

- Ich habe das mit 9 Jahren gemacht und dank meiner Brüder, die ihren Lebensunterhalt mit dem Schieben von Schubkarren auf dem Markt verdienten. Sie (Manitos) haben sie aufgenommen und da habe ich mich angeschlossen.

- Was beeindruckte dich als du der Organisation beigetreten bist?

- Ich war ein sehr aufgeweckter Junge und Kochen gefiel mir sehr. Mich beeindruckte, dass es dort größere Jungs und Mädchen als mich gab und dass ich genauso wie sie arbeiten konnte. Das hier ist ein Ort an dem sie dich verstehen.

- Mit deinen 9 Jahren, was war deine erste Arbeit auf der Straße?

- Zuerst verkaufte ich Bodoques (Wassereis aus der Tüte) auf den Straßen und auf dem Markt, soweit wie meine Kraft reichte. Dort verdiente ich zwischen 1,50 und 3 Soles (50 Cent bzw. 1 Euro) pro Tag. Ich war ganz allein unterwegs.

- Aber du hast es nicht dabei belassen. Was hast du noch gemacht?

- Danach lernte ich einen Mann, genannt Chavelo, kennen, mit dem ich Wasser auf einen Esel auflud um es in den Außenbezirken, wo es keines gab, zu verkaufen. Dann fing ich an Lehmziegel in den Steinbrüchen, die weit hinter dem Viertel Ollanta Humala (Außenbezirk von Piura) liegen, zu tragen und herzustellen. Zu der Zeit war ich 11 Jahre alt und wir waren ungefähr 7 Kinder, die 20 Soles  pro Tag verdienten.

- Was hat dir das Arbeiten - von Kindheit an - gezeigt?

- Es zeigte mir, dass nichts einfach ist und dass man sehr viel opfern muss im Leben. Es hat mir auch gelehrt, das wertzuschätzen, was man hat. Andere Leute wertschätzen es nicht und mich überrascht das, weil es so scheint, also ob sie nichts in diesem Leben bezahlen müssen.

- Wie war es auf der Straße zu arbeiten?

- Ich war vielen Gefahren ausgesetzt, weil ich sehr abenteuerlustig bin. Auf der Straßen zu arbeiten ist gefährlich, weil du nie weißt, wen du triffst und wo du ankommen wirst.

- Hast du einmal um dein Leben gebangt?

- Das war vor eineinhalb Jahren. Aus familiären Gründen fuhr ich nach Puerto Pizzaro (Fischerdorf) in Tumbes (Region Nordperu), um in der Fischerei und beim Fang des Zackenbarschs zu arbeiten. An einem Tag kamen wir mit mehreren Motorbooten an der Isla del Muerto, die auf der ecuadorianischen Seite liegt, an. Es war der beste Tag, weil wir sehr viel Zackenbarsch fingen.

- Und was ist dann passiert?

- Plötzlich erschienen ein Helikopter und 5 ecuadorianische Patrouillenboote, die anfingen uns mit Schüssen zu verfolgen. Die Kugeln schossen mehre Löcher in unser Boot und ich dachte wirklich, dass ich nicht lebend im Hafen ankommen werde.

- In diesem Moment hast du dann beschlossen zurückzukommen?

- Genau. Es war eine sehr risikoreiche Arbeit und außerdem hatte ich  die Schule vernachlässigt. Da riet mir die Betreuerin Gabriela zum Rückkehren zu Manitos Creciendo. Und hier bin ich.

- Und was ist jetzt dein Traum?

- Ich möchte meine Schule beenden, meine Ausbildung zum Koch anfangen und mein Restaurant eröffnen. Ich würde selbstverständlich einen Namen auswählen, der etwas mit CANAT zu tun hat, weil ich dank ihnen dort im Leben angekommen bin, wo ich sein möchte.

Zur Person: Ich wurde vor 18 Jahren in Piura geboren. Mit 9 Jahren verkaufte ich Bodoques und verdiente 1,50 Soles am Tag. Meine letzte Arbeit war in Puerto Pizarro, wo ich tauchte, um mit einer Harpune Zackenbarsche zu fangen. Ich tauchte bis zu 4m tief nur mit einem Sauerstoffschlauch. Ich habe 6 Geschwister, die die Schule nicht beendeten und zum Arbeiten nach Ecuador in die Minen und zum Fischfang gingen. Ich spare für mein Restaurant.

Aus: Diario El Tiempo, 3.7.2015