Montag, 25. Mai 2015

Die Philosophie des Taxifahrens oder Gringo²

Aus Deutschland ist das Handeln eher weniger bekannt. Grundsätzlich wird der Preis, den der Verkäufer dem Käufer angibt, hingenommen oder das Produkt wird nicht gekauft. In Peru lohnt es sich dagegen immer zu verhandeln. Ob auf dem Markt, bei touristischen Dienstleistungen oder z.B. beim Taxifahren. Die Taxifahrer haben nämlich generell die Angewohnheit ihren Gästen ein bisschen zu viel Geld aus der Tasche ziehen zu wollen. Wenn man allerdings irgendwann lernt Entfernungen und Preise in der Stadt zu schätzen, kann man ganz einfach den Preis um einen Sol senken. Ein bisschen nett lächeln (als Frau geht das immer gut) und dann ein bisschen betteln und beten: "Senor, siempre vamos para tres Soles. No está muy lejitos." (Wir fahren immer für drei Soles. Es ist nicht weit weg.) Wenn dann die Antwort kommt: "Si, está al fondisísimo." (Doch, das ist super weit weg.), kann man immer noch das Argument bringen, dass sich 4 Soles einfach nicht durch drei Personen teilen lassen. Entweder man kann jetzt zufrieden zum gewünschten Preis nach Hause fahren oder man muss sich ein neues Taxi suchen, weil der Fahrer den "Gringozuschlag" nicht vom Preis abziehen wollte. "Gringozuschlag"?
Jetzt kommen wir zu meinem Erlebnis am Samstag: Mit zwei Mitfreiwilligen halte ich ein Taxi an. Der Fahrer verlangt 10 Soles für die angegebene Fahrt von unserem Haus zur Busstation nach La Tortuga. Wir erläutern ihm nach dem oben erklärten Schema, dass wir nur für 9 Soles fahren wollen. Nach kurzem Überlegen willigt er ein. Im Taxi fragt er uns noch einmal genau zu welcher Busstation (eine ist im Zentrum und sehr nah, die andere ist weiterweg). Wir erklären ihm, dass wir zu der an der Stadtgrenze wollen. Er fängt an sich zu beschweren: "Pero está muy lejos hasta allá para 9 Soles."(Bis dorthin ist es sehr weit und das für 9 Soles.) Wir kontern: "Nein, das ist ein normaler Preis. Sie wollen nur von uns mehr verlangen, weil wir Gringos* sind." Ab da verwickelten wir uns mit dem Taxifahrer in ein sehr unterhaltsames Gespräch. Er erklärte uns, dass für ihn die Gringos wohlhabend und reich sind und man ihnen deswegen mehr Geld abverlangen müsste. Wir erklären ihm, dass wir eigentlich keine Gringos sind, weil wir aus Deutschland in Europa kommen. Er schaut uns fragend an und meint: "Was seid ihr dann?". Wir erläutern ihm, dass wir Europäer sind und damit viel netter und sympathischer als die Gringos seinen. Er fasst zusammen: "Also seid ihr Gringos hoch zwei.". Alle im Auto müssen lachen und es beginnt ein nette Unterhaltung über die Fußballweltmeisterschaft, den Verkehr in Deutschland und Peru, das peruanische Essen und unseren Freiwilligendienst. Am Ende der Fahrt bedankt der Fahrer sich bei uns und wir uns bei ihm für die tolle Fahrt.

*Gringo ist der lateinamerikanische Ausdruck für "US-Amerikaner". Zum Teil wurde er als Beleidigung verwendet. Heute bezeichnet er in Peru alle "Weißen" und hat auch keinen negativen Beigeschmack mehr. Trotzdem fühlt es sich für mich nicht so schön an auf offener Straße "Gringa" hinterher gerufen zu bekommen.

Sonntag, 17. Mai 2015

Von Gewinnern und Verlierern


Einen Monat ist es nun her, dass der Fußballklub von La Tortuga nach Piura kam und gegen ein zusammengewürfeltes Team von Manitos Trabajando antrat. Leider verloren unsere Manitos Kinder hoch in heimischen Gefilden und forderten deswegen eine Revanche in La Tortuga. Meine Mitfreiwilligen und Trainer des FC Tortuga, die diese wunderbare Idee eines Zusammentreffens ermöglichten, waren ebenfalls bereits ein Rückspiel zu organisieren.


So kam es, dass wir alle am vergangenen Samstag mit einem gemieteten Bus und 12 Spieler aus Manitos Trabajando, viel Wasser und Essen im Gepäck nach La Tortuga aufbrachen. In Tortuga angekommen begeisterte mich vor allem die Halle, in der das Spiel ausgetragen werden sollte. Halle sage ich ein überdachtes Stadion mit Tribünen. Noch nie hatte ich dieses für La Tortuga einem Wunder gleichende Bauwerk gesehen. Es waren auch tatsächlich einige Leute zum Zuschauen gekommen. Für den Seelenfrieden der Manitos war der kämpferisch erlangte Sieg den sie am Ende in Tortuga erzielten sehr wichtig. Viel aufregender war allerdings der bevorstehende Besuch des Strands. Für einige Kinder war es das erste Mal am Meer und dem zu Folge ein großes Abenteuer. Nach dem Spiel konnten sie gar nicht schnell genug in den Combi klettern um an den Strand zu fahren. Alle badeten sich mit viel Vergnügen, wobei der Eine mehr und der Andere weniger Angst hatte. Wir aßen alle gemeinsam Mittagessen am Strand. Dann fuhren wir noch zu einem zweiten Strand. Dort tobten sich dann alle wild spielend aus. Sandburgen wurden gebaut, Fußball gespielt und Krabben wurden gejagt. Die Dankbarkeit der Kinder über diesen Ausflug habe ich ganz deutlich in ihrem Verhalten gespürt. Während bei Manitos einige der Jungs ganz schöne Rabauken sind, erschienen sie am Strand alle wie zahme Lämmer. Am Ende schliefen alle glücklich und geschafft im Combi auf der Rückfahrt ein.
Die Teams vor dem Spiel
 
Die Arena
 
Die Gewinner am Strand
 


Montag, 11. Mai 2015

Tortugenos en Piura

Hinter mir liegt ein turbulentes Wochenende. Seit Samstagmittag residierte in unserer Wohnung hoher tortugiesischer Staatsbesuch: Saúl, Chilalo und Keren lernten Piura kennen. Wir ermöglichten den Geschwistern den Besuch allerdings nicht ohne Grund. Saúl, mit 6 Jahren der Jüngste, ertrank als kleines Kind beinahe im Meer. Seitdem hat er Angst vor dem Meer und will auch nicht mehr baden gehen. Da die einzige Berufsaussicht in La Tortuga der Fischfang ist, wollte wir gerade Saúl mit dem Besuch andere Möglichkeiten aufzeigen und ihm ein Leben in Piura schmackhaft machen. Für seine Geschwister war die Reise ein ebenso großes Abenteuer wie für ihn.

Am Samstag besichtigten die Kinder den Plaza de Armas und erfreuten sich an einem schönen Kugeleis. Der Höhepunkt des Tages kam allerdings danach: der Open Plaza, ein großes, glimmerndes Einkaufszentrum. Die Rolltreppe war die Attraktion schlecht hin. Immer wieder wollten sie hoch und runter fahren. Danach ging's dann noch in der riesigen Supermarkt Tottus. Auch dies war ein großes Erlebnis. All die tollen Sachen, die dort gekauft werden können: Schuhe, Computer, Kühlschränke, Fernseher, verschiedene Sorten Brot, Fleisch, Wurst und Käse und und und.... Wieder zu Hause angekommen, begann das große Duschabenteuer. Wasser, dass von oben auf den Kopf regnet und dann noch flüssige Seife, die toll riecht. Da wollten sie am Sonntag gleich noch einmal duschen. Schließlich aßen wir dann alle gemeinsam zu Hause zu Abend. Nach dem Essen gingen die Kinder noch in die Zahnputzschule. Vom Schrubben über das Ausspülen bis hin zum Gurgeln übten sie alles fleißig. Darauf folgte ein abendliche Spielrunde mit "Mensch ärgere dich nicht" und einem Nachtspaziergang mit Taschenlampen im dunklen Park. Als die Kinder schließlich immer noch nicht ganz müde waren, besuchte sie im Bett noch Rotkäppchen, der Wolf mit seinen sieben Geißlein und der Rattenfänger von Hameln.

Am Sonntag wurden wir dann früh geweckt und mussten noch etwas verschlafen, gleich Packesel, Quartett und noch eine "Revancha" "Mensch ärgere dich nicht spielen". Vor dem Frühstück statten wir auch dem Dorfflughafen von Piura noch einen Besuch ab. Einen großen Flieger aus der Nähe und dann noch beim Abheben zu Beobachten, war glaube ich etwas zu viel für die Vorstellungskraft der Kinder. Zum Frühstück lernten sie noch unseren Freund den Toaster kennen. Beindruckend was der mit den Brötchen so anstellt. Vor dem Mittagessen im Restaurant wurden auf dem Spielplatz alle Rutschen, die Wippe und mit großer Begeisterung die Schaukel ausprobiert. Vor der Rückfahrt durfte jeder noch einmal unter die Dusche springen. Im Bus zurück merkte man dann wie allen die Kräfte fehlten, sowohl Kinder als auch Erwachsene ließen sich in den Schlaf schaukeln.

Was den Kindern am Besten gefiel? Der Spielplatz und das Einkaufszentrum stehen auf der Best-of-List ganz weit oben, aber auch das "Familienleben" mit den Spielen, dem gemeinsamen Essen, der Guten-Nacht-Geschichte und der Fürsorge, die wir den Kindern boten, war ein tolles Erlebnis.

Beinahe wären Matthias und ich zu einem ungewollten Gegenaustausch auf der Rückfahrt genötigt wurden, weil zu wenige Leute auf einen Kombi nach Paita warteten (der Fahrer wollte nur mit vollem Kombi fahren) und der Kombi einen Platten hatte. Glücklicherweise ist Warten in Peru immer ein Lösung und so kamen wir doch noch in unseren eigenen Betten an.