Nachdem ich bis Montag noch mit dem Erkunden von allen CANAT-Projekten
beschäftigt war, habe ich seit Diensttag einen festen Arbeitsplan bis zu den
Ende Dezember beginnenden Sommerferien.
Bevor ich mich dem Stundenplan widme, gehe ich noch auf das dritte
CANAT-Projekt ein: "Manitos Creciendo" (Wachsende Händchen").
Eigentlich handelt es sich bei diesem Projekt nicht mehr um Händchen, sondern
vielmehr um Hände. Denn in diesem Projekt lernen Jugendliche ab dem Alter von
15 Jahren einen Beruf. CANAT bietet entweder eine Ausbildung zum Koch, zum
Schneider oder zum Friseur/Kosmetiker an. Für zwei Stunden blieb ich dann im
Friseursalon als Modell sitzen. Mir wurden die Haare gewaschen und anschließend
mit Conditioner fein säuberlich Strähne für Strähne eingepinselt.
Anschließend bekam ich dann noch zwei Zöpfe geflochten. Zwischendurch musste
ich einen ellenlangen Fragekatalog beantworten: von "Wie alt bist
du?" bis "Hast du einen Freund?" war alles dabei. Schade
nur, dass ich keine langen Haare mehr habe, denn die Mädchen steckten sich
gegenseitig wunderschöne Duttfrisuren.
Seitdem ich in der letzten Woche schon einen guten Überblick über die
Projekte gewonnen habe, wurde mir klar, dass ich am liebsten die meiste Zeit
mit den Kinder von "Manitos Trabajando" verbringen möchte. Außerdem
bat mich die Lehrerin meiner bisherigen Klasse ausdrücklich um Hilfe,
besonders bei der Nachmittagsbetreuung. Da die anderen vier deutschen Freiwilligen
die Arbeit in den "Ludotecas" bevorzugten, konnten wir uns schnell
einigen. Ich verbringe nun jede Woche drei Nachmittage und zwei
Vormittage bei den jüngsten von "Manitos Trabajando". Mit
ungefähr sechs Kindern, die besondere Unterstützung beim Lesen, Schreiben,
Rechnen oder Konzentrieren brauchen, arbeite ich dann in der Bibliothek an
Extraaufgaben. Einmal pro Woche gehe ich außerdem in die große
"Ludoteca" von Los Ángeles.
Zusätzlich nehme ich ab jetzt immer noch an den zwei Besprechungen pro Woche
von "Manitos Trabajando" teil. Dort wird über die Kinder gesprochen,
die in letzter Zeit durch häufiges Fehlen oder ungewöhnliches Verhalten
aufgefallen sind. Eine Koordinatorin organisiert dann entweder einen Hausbesuch
um mit der Familie zu reden oder einen Psychologen für eine Sitzung.
Ein Teil des letzten Eintrags handelte auch von der Ludoteca in La Tortuga,
meinem regelmäßigen Pendelziel am Samstag. Ebenso wie dieses Projekt, gehört
auch der sonntägliche Besuch einer Psychiatrie eigentlich nicht zum Programm
von CANAT. Was mich dennoch mit diesen beiden Aktivitäten verbindet,
ist die Chefin von CANAT, Gabriela Rentería. Ein herzliche,
offene und bewundernswerte Frau, die sich unglaublich viel in Piura und
Umgebung engagiert. Sie lud uns ein am letzten Sonntag mit in die Psychiatrie
zu kommen. Sie stattet den Damen und Herren dort jeden Sonntag einen
zweistündigen Besuch am Nachmittag ab und erzählte uns, dass es sehr lustig ist
und sie ihren Hund immer mitnimmt. Wir willigten ein. Ich muss gestehen im
ersten Moment etwas leichtsinnig. Es kamen dann später die Zweifel und Fragen:
Wie gehe ich mit den Menschen um? Was machen wir eigentlich mit
den Leuten? Vorbereitet fühlte ich mich nicht gerade. Dort stellte ich dann
fest, dass alles ganz locker und lustig zugeht. Jeder darf einmal laut singen
und auch gern schief. Alle bekommen Kekse und Saft. Und der Hund darf bespaßt
werden: Ketten umhängen, Hüte aufsetzen und mit Wasser kalt abduschen. Es geht
einfach nur um ein offenes Auge und Ohr für die Menschen.
Mit Sand an den Füßen, einem spanischen Liebeslied im Ohr, einem Haufen
Früchte im Magen, Schlafsand in den Augen und der Hoffnung morgen früh weder
von den Hunden unter uns noch von den Rufen des Gemüsemanns geweckt zu werden,
verabschiede ich mich von euch.